Technische und politisch-soziale Innovationen: Nicht nur Ingenieure sind gefragt, sondern wir alle

von Michael Brüggemann

Kürzlich gab es mal wieder eine deutsche Talkshow mit prominenter Hamburger Professorenbeteiligung. Hans von Storch, mein Kollege an der Universität Hamburg und ehemaliger Leiter des Instituts für Küstenforschung am Helmholtz-Zentrum Geesthacht, saß in der „Hart aber fair“-Sendung von Frank Plasberg zum Thema Klimapolitik. Drum herum die üblichen Verdächtigen: ein Klima-Aktivist, eine Grünen-Politikerin, ein konservativer Publizist und eine Schauspielerin; eine Zusammenfassung gibt es bei Spiegel Online. In seinem (bald von Plasberg unterbrochenen) Eingangsstatement hebt von Storch die Bedeutung technischer Innovationen hervor, um die globalen Emissionen zu reduzieren.* Das ist eine gute Idee. Damit ist es aber nicht getan.

Hartaberfair 2. Dezember 2019
Die Talk-Runde vom 2. Dezember. / Quelle: WDR

Deutschland muss mit technischen Innovationen vorangehen 

Technische Innovationen sind ohne Zweifel nötig, um die Größe der Herausforderung zu bewältigen, vor die der Klimawandel uns stellt. Für die Welt attraktive Innovationen zu entwickeln, die Umwelt- und Klimaschutz wirtschaftlich rentabel machen, könnte ein wichtiger Beitrag zum globalen Klimaschutz sein. Die deutsche Politik könnte dazu mit Forschungsförderung, aber dann auch durch Unterstützung der Verbreitung solcher Innovationen einen Beitrag leisten.

Jeder einzelne trägt Mitverantwortung

Leider wird diese Forderung zum Teil mit der Schlussfolgerung begleitet, dass es unwichtig sei, was wir hier in Deutschland und jeder einzelne im Hinblick auf die Reduktion unserer Emissionen tun. Mir ist völlig unklar, warum der Export von Innovationen uns von der Verpflichtung befreien sollte, auch selbst einen kleinen Beitrag zum Klimaschutz zu leisten, im Rahmen dessen, was jeder einzelne von uns zu verantworten hat. Zu unserer Verantwortung gehört neben Konsum selbstverständlich auch politisches Handeln.

Technik allein hilft nichts – auch soziale und politische Innovationen sind nötig

Aber zurück zum wichtigen Punkt Innovation: Nun kommt es aber nicht nur auf Ingenieurskunst an, sondern auch auf soziale und politische Innovationen, die hier entwickelt werden und so attraktiv sein könnten, dass andere Länder sie übernehmen wollen. Die deutsche Energiewende ist so ein Beispiel, bei aller Kritik im Detail: Wenn Deutschland zeigen kann, dass wir gleichzeitig aus der klimafeindlichen Kohleverstromung und der risikoreichen Kernenergie aussteigen können, und dabei weder das Licht ausgeht, noch der Wirtschaftsstandort einen Schaden nimmt, sondern sogar zahlreiche Arbeitsplätze geschaffen wurden, dann könnte das ein attraktives Modell sein für andere Länder.

Auch wenn dabei etwas schiefgeht – wie der Niedergang der deutschen Solarbranche und aktuell die Krise der Windenergiebranche, an der Regierungspolitik ihren Anteil hat – dann kann das instruktiv für andere Länder sein. Wer, wenn nicht wir reichen Länder, kann es sich leisten, zu experimentieren und neue Wege zu gehen, um aus einer kohlenstoff-konsumierenden Gesellschaft auf nachhaltigere Wirtschafts- und Lebensweisen umzusteigen?

Ein anderes Beispiel für soziale Innovation ist die Verkehrspolitik von Städten wie Kopenhagen und Amsterdam, die konsequent auf die Förderung des Radverkehrs setzen. Wir schauen uns das an und fragen uns, warum kann das Hamburg oder München nicht? (Warum es Berlin nicht kann, fragen wir uns nicht, aber Spaß beiseite.) Und wenn wir uns den schweizer Bahnverkehr anschauen, fragen wir uns, warum kann es Deutschland nicht?

Auch wenn die Kohlendioxid-Einsparungen von Kopenhagen durchs Radfahren oder die der Schweiz durch Bahnverkehr im globalen Maßstab verschwindend sind, dann ist doch die Signalwirkung da: Es geht auch mit viel weniger Autos. Stadtleben wird lebenswerter und Mobilität ist möglich ohne Stress – und das kann Klimaschutz attraktiv machen. Wenn wir alternative Modelle des Wirtschaftens und Zusammenlebens entwickeln und zeigen können, wie Wohlbefinden – dabei geht es nicht nur um materiellen Wohlstand, sondern auch um saubere Luft, sauberes Trinkwasser, Gesundheitsversorgung, Altersvorsorge usw. – und Klimaschutz vereinbar sind, dann regen wir globales Umdenken an. Ähnliche Forderungen finden sich ausführlicher auch bei Harald Welzer, hier im Interview mit GEO, und in seinem aktuellen Buch „Alles könnte anders sein“.

Wir müssen also bei uns zeigen können, wie ökologische Lösungen in der Praxis funktionieren. Und dann müssen wir erforschen (und da sind die Wirtschafts- und Sozialwissenschaften gefragt), ob das was bei uns funktioniert, skalierbar und global bezahlbar ist. Unser aktueller Lebensstil und unsere Auto-fixierte Stadtplanung und Verkehrspolitik sind es jedenfalls nicht. Die Mega-Cities der Gegenwart und Zukunft funktionieren ganz gewiss nicht mit Individualverkehr, der darauf beruht, dass jeder mit dem eigenen Auto herumfährt (auch nicht mit E-Autos).

Das große Ganze besteht aus vielen Einzelnen

Die nötigen Veränderungen sind kein Prozess, der von Technikern und Bürokraten top-down zu steuern ist. Es kommt auch auf die vielen Einzelnen an. Denn soziale Phänomene und Wandel emergieren aus den Interaktionen von vielen Einzelnen – so entstehen Verkehrsstaus oder auch eine globale Klimabewegung wie Fridays for Future. Es wäre schön, wenn Deutschland nicht nur rekordverdächtige Staus hervorbringen würde.

Zur aktuellen Situation haben Staaten wie Deutschland überdurchschnittlich beigetragen. Nach wie vor tragen wir überdurchschnittlich zum Klimaproblem bei. Zur Lösung können wir nicht nur technische Ideen, sondern auch konsequentere Umsetzungsversuche, mit Erfolg und Scheitern, beitragen. Es gilt zu zeigen, dass wir eine nachhaltige Gesellschaftsordnung und Lebensweise entwickeln können, ohne soziale Unruhen oder Massenarbeitslosigkeit zu produzieren. Dabei brauchen wir technische Innovationen, aber auch soziale und politische. Und wir sind angewiesen auf viele Menschen, die diesen Wandel antreiben.

 

*Weitere Informationen:

Die Position von Hans von Storch kommt differenzierter zur Geltung in einigen der Interviews zum Thema, z.B. mit Cicero oder auf der Website Tag24.