Tag 2 des K3 Klimakongresses: Beichten zum Brunch

von Joana Kollert 

„Ich bin gewissermaßen gescheitert in der Klimakommunikation“. Mit diesem schwerwiegenden Eingeständnis eröffnete Mojib Latif, Klimaforscher und Vorsitzender des Deutschen Klima-Konsortiums, den Pressebrunch am zweiten Tag des K3 Kongresses zu Klimawandel, Kommunikation und Gesellschaft. Neben Latif standen noch drei weitere ExpertInnen den anwesenden JournalistInnen Rede und Antwort.

Bildnachweis: DKK, Stephan Röhl

In einer Sache waren sich die Vortragenden einig: es gibt genügend Wissen über die Gefahren des Klimawandels, aber an der Umsetzung dieses Wissens in Handlungen hapert es. Was läuft schief in der Kommunikation von wissenschaftlicher Erkenntnis zu politischer und gesellschaftlicher Umsetzung? Zwei Erklärungsansätze wurden während des Pressebrunchs vorgestellt.

Die Kommunikationswissenschaftlerin Irene Neverla und der Gründer des britischen ThinkTanks ClimateOutreach George Marshall sehen das Problem in der Form der Kommunikation. Naturwissenschaftler Latif sowie Soziologe und Sozialpsychologe Harald Welzer sind der Meinung, Informationen und Wissensübertragung seien unzureichend für einen effektiven Klimaschutz, weswegen ein gesellschaftlicher und politischer Strukturwandel von Nöten sei.

Ein strukturelles Problem unserer Gesellschaft: Konsum als oberstes Gebot

Harald Welzer erklärte, dass 30 Jahre des Warnens und Ermahnens in der Klimakommunikation erfolglos waren, da Menschen nicht auf der Grundlage von Wissen handelten. Trotz des stetig wachsenden Umweltbewusstseins beobachten wir einen ständig steigenden Konsum – ein Paradox, das sich nur dadurch erklären lässt, dass Wissensbestände nicht handlungsleitend sind. Der Konsum ist das dominante Gebot unserer Gesellschaft – wie können wir damit in der Klimakommunikation konkurrieren? Welzer sieht Klimawandel nicht als ein klassisches politisches Problem, sondern als ein gesellschaftsstrukturelles: alles wird der Ökonomie nachgeordnet. Daher benötigt effektiver Klimaschutz einen gesellschaftlichen Strukturwandel, welcher nicht durch eine Informationsflut von wissenschaftlichen Erkenntnissen erreicht werden kann. Vielmehr sieht der Soziologe und Sozialpsychologe generationsübergreifende Gerechtigkeit als stärksten Treiber sozialen Wandels. Die Gesellschaft muss ihre Zukunft aktiv gestalten; benötigt positive Zukunftsbilder an denen sie sich orientieren kann. Er betonte, dass die Stärke der Fridays for Future-Bewegung in ihrer Monothematik und gemeinsamer Zielsetzung trotz Nicht-Ideologie liegt.

Das Hauptproblem liegt in der zu kurzfristig denkenden Politik

Mojib Latif hat „die Politik abgeschrieben“, und bezeichnete das kürzlich beschlossene Paket des Klimakabinetts als „Sterbehilfe für das Weltklima“. Seit 30 Jahren plädiert der Forscher für mehr Aktionismus im Klimaschutz, leider vergebens. Er habe inzwischen akzeptiert, dass es nicht wichtig sei, dass jeder Mensch den Klimawandel versteht, um dagegen anzukämpfen. Latif sieht das Problem vor allem in der Politik. RegierungsvertreterInnen sehen Politik als „Kunst des Machbaren“ (Angela Merkel als Kommentar zum Beschluss des Klimakabinetts); sie betreiben eine Politik, welche von ihrer Regierungsdauer und dem Streben nach Wählerstimmen diktiert wird. Der Klimaschutz bedarf jedoch Maßnahmen, welche weit über einzelne Regierungsperioden Effekt haben, und welche sicherlich nicht immer wählerfreundlich sind. Der Klimawandel sei ein Politikfeld eigener Art, und dies hat die Politik nicht verstanden. Die Mehrzahl der derzeitigen PolitikerInnen seien konturlos und nicht bereit, die Verantwortung in die Hand zu nehmen, um die radikale soziale Transformation voranzutreiben, die der Klimaschutz bedarf.

Die klassische Berichterstattung der Medien nimmt die Menschen nicht mit

Irene Neverla sieht eine prägnante Schwachstelle in der Berichterstattung über den Klimawandel: der Journalismus habe es versäumt, ressortübergreifend und auf regionaler und lokaler Ebene über das Thema zu berichten. So wird es von der Gesellschaft häufig als abstraktes und entferntes Phänomen empfunden. Um effektiver über die Klimakatastrophe zu berichten, muss sich das Publikum angesprochen fühlen. Dass der Klimawandel in den letzten 15 Monaten so stark in den Fokus der Medien gerückt ist, liegt insbesondere an dem Hitzesommer 2018 und dem Aufschwung der sozialen Medien als Protestplattform. Während der heiße Sommer den Klimawandel am eigenen Körper jeder Einzelnen spürbar machte, haben soziale Medien als moderne, schnelle und persönliche Kommunikationsform eine Lücke gefüllt, welche der klassische Journalismus hat entstehen lassen.

Effektive Klimakommunikation braucht Werte und Ideale

George Marshall betonte, dass die Zivilgesellschaft Informationen über den Klimawandel und dessen Auswirkung auf ihr eigenes Leben brauchen, um fundierte Entscheidungen zu treffen. Die Klimadebatte muss sich von der Kosten-Nutzen-Analyse entfernen; eine effektive Klimakommunikation muss auf einer Auseinandersetzung mit Werten und Idealen von Individuen basieren, um ein soziales Mandat anzustreben und eine gemeinsame Zielsetzung zu verfolgen. Hierbei ist das Engagement vor allem mit Minderheitsgruppen von großer Bedeutung. Viele RegierungsvertreterInnen polarisieren die Klimadebatte. Die Gefahr dabei: Großteile der Bevölkerung fühlen sich vernachlässigt und wenden sich von Klimathemen ab.

Mein eigenes Fazit

Es steht mir nicht zu, zu entscheiden, welche dieser Ansätze der „richtige“ ist. Sicherlich wäre eine Kombination aller Ideen kein schlechter Start. Dennoch haben mich die Argumente von Harald Welzer persönlich am meisten überzeugt.

Ich muss mir hierbei an die eigene Nase fassen; ich studiere Klimawisschenschaften, kenne die erschreckenden Zukunftsprognosen und weiß, wie ein klimafreundliches Leben auszusehen hat. Hält mich dieses Wissen davon ab, trotzdem hin und wieder in ein Flugzeug zu steigen, Lebensmittel zu kaufen die weder regional noch saisonal sind, generell mehr zu konsumieren als tatsächlich notwendig ist? Nein. Und warum? Es gibt mehrere Gründe. Einerseits ein Gefühl der Ohnmacht; die Klimadebatte ist so komplex, dass ich regelmäßig hinterfrage, ob sie überhaupt „lösbar“ ist.

Wenn wir die Erde sowieso langsam zerstören, warum sollte ich mein Leben nicht genießen? Sicherlich ist es auch Routine und Bequemlichkeit. Obwohl meine CO2-Bilanz definitiv ein Entscheidungsfaktor bei meiner Reiseplanung ist, wäre es eine glatte Lüge zu behaupten, er wäre der wichtigste. Ich möchte möglichst unkompliziert, komfortabel und kostengünstig an mein Ziel kommen.

Mit dem Konsum ist es ähnlich. Von allen Seiten wird man verführt, umweltfreundliche Alternativen zu kaufen: Zahnbürsten aus Holz, Fleischersatzprodukte wie Jackfruit, welche aus fernen Ländern stammen, Kleidung aus nachhaltiger Produktion. Was viele nicht verstehen – auch der Konsum von nachhaltigen Produkten verbraucht Ressourcen, und schadet damit der Umwelt. Was hat die Erde davon, wenn wir jetzt alle unsere Plastikzahnbürsten wegschmeißen, und uns Holzzahnbürsten kaufen? Mehr Plastik, und weniger Holz. Mir ist bewusst, dass es hier nochmal entscheidende Unterschiede gibt, ob man das Problem kurz- oder langfristig betrachtet. Natürlich sind Holzzahnbürsten langfristig die bessere Lösung. Aber bitte nutzen wir doch die Plastikzahnbürsten bis zu deren Lebensende, und kaufen uns erst dann die Holzzahnbürsten.

Eine Zukunftsvision, in welcher Klimaschutz nicht durch zusätzlichen Konsum erreicht werden soll, ist dringend von Nöten. Hierbei – so denke ich – müssen wir die Zukunftsvisionen gar nicht unbedingt als klimafreundlich anpreisen. Wie schon bemerkt, sind mir beim Reisen andere Faktoren (Bequemlichkeit, Flexibilität, Kosten) erst einmal wichtiger als der Umweltschutz. Wäre es also nicht sinnvoll, Zukunftsbilder zu konstruieren, welche diese Faktoren berücksichtigen, und zusätzlich auch noch klimafreundlich sind? Wenn beispielsweise der Zugverkehr zuverlässig, angenehm und günstiger als das Fliegen wäre, würde es mir wesentlich einfacher fallen, klimafreundliche Mobilitäts-Entscheidungen zu treffen und meine eigene CO2–Bilanz zu senken.