Kein Fortschritt ohne Risiko

von Joana Kollert 

Neulich bin ich zum ersten Mal in einem autonomen Fahrzeug gefahren. Das HOCHBAHN-Forschungsprojekt HEAT testet die Eignung des ersten automatisiert fahrenden Kleinbusses im Hamburger Straßenverkehr. Jede*r kann sich die HEAT-App herunterladen und kostenlos mitfahren. Die Vorstellung, im unbemannten Kleinbus durch die Hamburger HafenCity zu cruisen fand ich aufregend und ein wenig beängstigend. Die Realität war aber harmlos und reichlich unspektakulärer: gemeinsam mit zwei HOCHBAHN Angestellten und einem weiteren Fahrgast tuckelten wir gemächlich über eine Strecke von 800m, von denen wir nur die ersten 100m autonom fuhren, bevor ein Falschparker die manuelle Übernahme erzwang.

Der HEAT Kleinbus in der Hamburger Hafenctiy.

Die Straßeninfrastruktur wird in die  Programmierung des Kleinbusses eingebaut, aber ein Falschparker ist in diesen Kartendaten natürlich nicht vorgesehen. Obwohl es laut HOCHBAHN Mitarbeitern technisch möglich wäre, den Falschparker einfach zu überholen, erlaubt es die aktuelle Gesetzeslage nicht. Zu gefährlich, die Begründung. Wie soll das Fahrzeug also jemals im Straßenverkehr Einsatz finden, wenn man alltäglichen Verkehrssituationen bewusst ausweicht?

Interessanter als die kurze Fahrt waren tatsächlich die Gespräche mit den HOCHBAHN Mitarbeitern. Die Fahrzeuge sind so programmiert, dass sie strikt den Vorgaben der Straßenverkehrsordnung folgen. Wenn sie mit einer Gefahrensituation konfrontiert werden, welche nicht im Lehrbuch der Fahrschulen steht, bleibt das Fahrzeug einfach stehen. In einer Großstadt wie Hamburg, mit ihren Falschparkern, Rasern, wilden Fahrradfahrer*innen und unachtsamen Fußgänger*innen, ist der Einsatz von autonomen Kleinbussen unter diesen Bedingungen schwer vorstellbar.

Es ist es nachvollziehbar, dass der HEAT Kleinbus während der Testphase keine unnötigen Risiken eingeht, denn laut HEAT Beförderungsbedingungen haftet der Verkehrsunternehmer „für die Tötung oder Verletzung eines Fahrgastes“. Andererseits wird der Kleinbus anhand der erfahrenen Verkehrssituationen programmiert; während meiner Mitfahrt meldeten die HOCHBAHN Angestellten der Leitstelle, welche Umstände die manuelle Übernahme erzwangen. Die Programmierung des Busses wird angepasst, damit das Fahrzeug zunehmend selbständig mit verschiedenen Verkehrssituationen umgehen kann. Damit der Kleinbus dann eben wirklich autonom fährt.

Autonomes Fahren bietet eine Reihe von Vorteilen gegenüber herkömmlichem öffentlichem Transport:  ein verbesserter Verkehrsfluss, da die zentrale Steuerung aus der Leitstelle eine mögliche Staubildung voraussehen und verhindern kann, weniger Verkehrslärm und weniger Abgase, da die Fahrzeuge elektrisch betrieben werden.

Allerdings haben Skeptiker große Bedenken bezüglich der Betriebssicherheit von autonomen Fahrzeugen. Sie befürchten, dass technische Fehler Unfälle verursachen oder Menschenleben kosten könnten. Laut ADAC sind jedoch 90% aller Verkehrsunfälle auf menschliches Versagen (Missachtung der StVo, Handynutzung etc.) zurückzuführen, sodass eine ausgereifte autonome Steuerung die Verkehrssicherheit mit hoher Wahrscheinlichkeit sogar erhöhen würde.

Das HEAT Forschungsprojekt ist eine Abwägung zwischen Sicherheit und Fortschritt; zu viel Sicherheit behindert den Fortschritt, aber Fortschritt möchte Sicherheit auch nicht missen. Geduld ist hier geboten. Der Grad der Komplexität wächst mit jeder Testphase, und gleichzeitig erhöht sich auch der Erfahrungsschatz. Während HEAT im Jahr 2019 auf einer Teststrecke ohne Fahrgäste und einer Geschwindigkeit von 15 km/h startete, lief bis Ende November Phase 2. Hierbei waren 2 Fahrgäste und eine Maximalgeschwindigkeit von 25 km/h erlaubt. Zudem nimmt der Kleinbus auf der 800m langen Strecke am Straßenverkehr teil. Im Frühjahr 2021 soll die abschließende Erprobung auf einer Teststrecke von 1,8 km erfolgen.  Es bleibt zu hoffen, dass Falschparker dann kein Problem mehr darstellen.

 

https://www.hochbahn.de/hochbahn/hamburg/de/Home/Naechster_Halt/Ausbau_und_Projekte/projekt_heat

https://www.adac.de/rund-ums-fahrzeug/ausstattung-technik-zubehoer/autonomes-fahren/technik-vernetzung/aktuelle-technik/

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