Verdrängt aber nicht verschwunden: Die Klimakrise im Schatten der Migrationsdebatte

In den vergangenen Jahren wurde in deutschen Medien mehr über Migration als über den Klimawandel berichtet. Diese Verschiebung der Aufmerksamkeit geht mit veränderten Problemwahrnehmungen in der Bevölkerung einher und verweist auf wechselseitige Dynamiken zwischen Berichterstattung, öffentlicher Meinung und Politik.

Im elften Jahr nach dem Pariser Klimaabkommen ist das Thema Klimaschutz auf der öffentlichen Agenda nach unten gerutscht. In den Jahren 2018 und 2019 schien die Klimakrise, geprägt durch die Klimaproteste von Fridays for Future, „das“ politische Thema zu sein. Heute ist dieses Momentum passé. Das angebrochene „Post-Paris-Jahrzehnt” wird den damals formulierten politischen Ambitionen bislang in keiner Form gerecht. 

Unsere Analysen zeigen, dass deutsche Leitmedien dem Klimawandel über den gesamten Untersuchungszeitraum hinweg nur auf niedrigem Niveau Beachtung schenken. Ab 2018 stieg die Berichterstattung zur Klimakrise zwar deutlich an, erreichte 2019 einen Höhepunkt und verharrte in den Folgejahren zunächst auf ähnlichem Niveau – auch getragen durch die Protestwellen der Letzten Generation ab 2021. Seit 2023 nimmt die Medienaufmerksamkeit jedoch sukzessive ab. 

Weil verschiedene Themen um öffentliche Aufmerksamkeit konkurrieren, lohnt sich der Vergleich mit einem Thema, das dem Klimawandel in den Medien kontinuierlich die Show stiehlt: Migration. Nach einem Höhepunkt der Berichterstattung in den Jahren 2015 und 2016 sank die mediale Aufmerksamkeit zunächst, bevor sie seit 2020 wieder deutlich zunimmt.

Outlets: taz, Spiegel, SZ, Zeit, FAZ, Focus , Welt, Bild

Diese Dynamiken spiegeln sich im gesellschaftlichen Problembewusstsein wider. Im Rahmen des Projekts Down2Earth befragen wir Menschen in Deutschland während der jährlichen UN-Klimakonferenzen dazu, welche zwei Probleme in Deutschland aktuell am drängendsten sind. Im Jahr 2015 nannten lediglich 15 Prozent der Befragten den Klimawandel als eines der wichtigsten Probleme in Deutschland. 

In den Folgejahren stieg dieser Anteil deutlich an und erreichte im Jahr 2021 mit 41 Prozent seinen bisherigen Höchstwert. Seither ist ein klarer Rückgang zu beobachten: 2023 nannten nur noch 22 Prozent, 2025 nur noch 19 Prozent den Klimawandel als zentrales gesellschaftliches Problem. Gleichzeitig gewinnt Migration nach einem durch die Pandemie bedingten Einbruch erneut an Bedeutung und wird 2023 von 40 Prozent und 2025 von 35 Prozent der Befragten als zentrales Problem genannt.

Aufmerksamkeit gleich Problembewusstsein? 

Die Grafiken zeigen nicht nur, dass mehr über Migration berichtet wird. Sie zeigen auch, dass die Art, wie über Themen berichtet wird, darüber entscheidet, ob Berichterstattung in Problembewusstsein übersetzt wird. Ob in der Hetzkampagne gegen Robert Habeck oder im Kontext verzerrter Debatten über das sogenannte „Heizungsverbot“ oder „Verbrenner-Aus“: Der Klimawandel bleibt ein politisch konfliktträchtiges Feld. 

Parteien, die sich für Emissionsreduktion, Verkehrswende oder die Umstrukturierung umweltschädlicher Industrien einsetzen, werden als „Verzichtsparteien“ konstruiert. Für die Politik bietet Klimaschutz damit wenig kurzfristiges Mobilisierungspotenzial. 

Auch große Teile der Öffentlichkeit schreckt dieses destruktive Framing davon ab, sich konstruktiv mit dem Thema auseinanderzusetzen. Menschen, die beruflich auf ein Auto angewiesen sind, ihre Gasheizung nicht ohne Weiteres austauschen können oder Familien, die sich klimafreundliche Alternativen – ob Wärmepumpe, E-Auto oder Ökostrom – ohne staatliche Subventionen finanziell schlicht nicht leisten können. 

Ein weiteres Problem mag sein, dass viele Menschen mittlerweile der Meinung sind, dass ihre individuellen Konsumentscheidungen im Großen und Ganzen keine Rolle spielen, solange Großkonzerne ihren Ausstoß nicht reduzieren und die Politik keine verbindlichen Rahmenbedingungen schafft beziehungsweise ihre eigenen Klimaschutzziele verfehlt.

Dieses destruktive Framing sorgt zwar für Schlagzeilen, aber eben nicht für konstruktives Problembewusstsein. Klimaschutz landet im öffentlichen Bewusstsein als Zumutung, nicht als drängendes Problem, das kollektives Handeln erfordert. Das erklärt, warum (relativ) stabile Berichterstattung trotzdem mit sinkendem Problembewusstsein einhergehen kann. 

Warum Migration mobilisiert und Klimaschutz verliert 

Das Thema Migration hingegen bringt mehrere Eigenschaften mit, die es besonders politisch und somit auch medial anschlussfähig machen. Das Thema lässt sich leicht personalisieren und emotionalisieren. Zugleich wird es von rechtspopulistischen Parteien strategisch mit einem Anti-Eliten-Narrativ verknüpft: „die da oben“, die angeblich die Kontrolle verloren haben, gegen „die da unten“, welche die sicherheitspolitischen Konsequenzen tragen müssten. 

Was den rechtspopulistisch-nationalistischen Diskurs kennzeichnet, ist genau diese Kombination aus Anti-Elitismus und exkludierender Rhetorik. Konstruktionen des „Volkes“, das Populisten vorgeben zu repräsentieren und gegen verdorbene Eliten zu verteidigen, werden mit Angriffen von „außen“ verbunden (zumeist durch Migrant:innen und ethnische Minderheiten). Migration wird so nicht nur als äußere Bedrohung und als Feindbild „der Fremden“, sondern auch als Symbol politischen Versagens konstruiert. Ein Deutungsangebot, von dem besonders antidemokratische Akteur:innen profitieren.

Vor allem im vergangenen Wahlkampf konnte ein ausgeprägter Fokus auf das Thema Migration beobachtet werden. Medien griffen diese Schwerpunktsetzung durch intensive Berichterstattung auf und legitimierten ihr Vorgehen zugleich mit Verweis auf vermeintliches Publikumsinteresse. 

Dabei entsteht eine sich selbst verstärkende Dynamik: Migration erscheint als größtes Problem, weil viel darüber berichtet wird – und es wird viel darüber berichtet, weil sie als größtes Problem gilt. Die AfD konnte diese Dynamik erfolgreich nutzen, setzte mit ihrem Kernthema die Agenda und wurde dafür bei der Wahl belohnt: 10,5 % Zuwachs bei den Zweitstimmen im Vergleich zur vorherigen Bundestagswahl. 

Bedrohlich wirkt, was bedrohlich gemacht wird 

Vor diesem Hintergrund lassen sich auch die Entwicklungen in unseren Umfragedaten neu einordnen. Die Problemwahrnehmung der Klimakrise nähert sich aktuell wieder dem Niveau, das wir im Jahr 2015, zum Zeitpunkt des Pariser Klimaabkommens, beobachtet haben. 

Der außergewöhnliche klimapolitische Mobilisierungsschub der Jahre 2018 und 2019 erweist sich im Rückblick als historisches Zwischenhoch und nicht als dauerhafte Trendwende – und zwar sowohl in der öffentlichen Wahrnehmung als auch in der Berichterstattung. Medienschaffende können sich hier also nicht aus der Verantwortung nehmen: Unsere Analysen zeigen, dass das verlorene Problembewusstsein für den Klimawandel, der reale humanitäre und volkswirtschaftliche Kosten birgt, nicht einfach so verschwunden ist. 

Medien und Politik haben stattdessen dem Thema Migration eine neue Salienz verliehen, die nicht im Verhältnis zu dessen gesellschaftlicher Bedrohlichkeit steht. Bemerkenswert ist dabei: Im „Sommer der Migration“ 2015 war die Berichterstattung über Migration mit rund 10 Prozent doppelt so hoch wie heute – das gesellschaftliche Problembewusstsein ist mit 35 Prozent jedoch nicht proportional gesunken. 

Migration erzeugt heute mit deutlich weniger medialer Aufmerksamkeit ein ähnlich hohes Bedrohungsgefühl wie vor zehn Jahren: ein Zeichen dafür, wie wirkungsvoll das politisch-mediale Framing der letzten Jahre war. Der Klimawandel und dessen schwerwiegende humanitäre und ökonomische Folgen werden jedoch wiederum erfolgreich aus dem öffentlichen Blickfeld verdrängt. 

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