Wo steht Deutschland auf dem Weg zur Klimaneutralität – und warum gerät Klimaschutz gesellschaftlich zunehmend unter Druck? In unseren Studien über die Letzte Generation und Fridays for Future gehen wir einer zentralen Facette dieser Entwicklung nach: der Frage, wie sich unterschiedliche Formen von Klimaprotest auf die öffentliche Klimadebatte auswirken. Im Fokus stehen dabei die moderaten Protestformen von Fridays for Future und die disruptiven Aktionen der Letzten Generation (heute: Neue Generation / Widerstandskollektiv).
Auf Basis großangelegter Medien- und Plattformanalysen von journalistischer Berichterstattung und Twitter/X-Diskursen aus den Jahren 2022 und 2023 lassen sich drei zentrale Erkenntnisse festhalten:
1. Disruptive Proteste gehen mit stärkerer Polarisierung einher.
Sowohl in den Medien als auch im Online-Diskurs zeigen sich Polarisierungsmuster rund um Klimaproteste. Diese sind im Fall der Letzten Generation jedoch deutlich ausgeprägter. Die Debatten sind stärker entlang ideologischer Lager organisiert und emotionaler aufgeladen als jene zu Fridays for Future.
2. Polarisierung wird vor allem von rechten Akteuren vorangetrieben.
Entgegen verbreiteter Zuschreibungen treiben nicht die Klimabewegungen selbst die Eskalation voran. Vielmehr sind es vor allem rechtskonservative politische Akteure, Online-Netzwerke und Medien, die polarisierende Frames früh setzen und verstärken. Diese Frames werden im weiteren Verlauf auch von anderen Medien aufgegriffen – selbst dann, wenn sie eigentlich kritisch gemeint sind.
3. Hohe Aufmerksamkeit hat ihren Preis.
Die Letzte Generation erhielt deutlich mehr mediale Sichtbarkeit als Fridays for Future. Diese Aufmerksamkeit ging jedoch nicht mit einer stärkeren Fokussierung auf klimapolitische Inhalte einher, sondern mit einer Verschiebung hin zu Kriminalitäts- und Extremismus-Frames. Parallel dazu sank 2023 die gesellschaftliche Unterstützung für Klimaproteste und Klimaschutz insgesamt. Ein positiver „Radical Flank Effect“ lässt sich für Deutschland empirisch nicht belegen.
Unsere Ergebnisse zeigen, dass sowohl moderate als auch disruptive Klimaproteste mit Polarisierung in öffentlichen Debatten einhergehen, auch wenn diese bei disruptiven Protesten stärker ausgeprägt ist. Deutlicher als die Protestform selbst ist jedoch die Rolle medialer Akteure: Entscheidend für die Intensität und Struktur der Polarisierung ist, wie Klimaproteste journalistisch gedeutet, gerahmt und zugespitzt werden.
Unser vollständiger Beitrag ist zu lesen im Klimawende Ausblick 2025, herausgegeben von Stefan C. Aykut, Anna Fünfgeld et al.: https://www.transcript-verlag.de/978-3-8376-8097-3/klimawende-ausblick-2025/?number=978-3-7328-0018-6
Unsere Studien:
Meyer, H., Farjam, M., Rauxloh, H., & Brüggemann, M. (2025). From disruptive protests to disrupted news frames: Comparing German news on climate protests. Journalism, 14648849251372805. https://doi.org/10.1177/14648849251372805
Meyer, H., Pröschel, L., & Brüggemann, M. (2025). From Disruptive Protests to Disrupted Networks? Analyzing Levels of Polarization in the German Twitter/X Debates on “Fridays for Future” and “Letzte Generation”. Social Media + Society, 11(2), 20563051251337400. https://doi.org/10.1177/20563051251337400